Mit Spiegel im Spiegel führt Christine Gehrke konsequent die visuellen Erforschungen ihres vorangegangen Werkes Globus Illuminatus weiter.

Dort wird der konventionellen, vordergründigen Bildbetrachtung mit den Instrumenten Sphaereoskop, Lupe oder Spiegel eine sich selbst reflektierende Meta-Ebene hinzugefügt. Mit dieser Betrachtung der Betrachtung thematisiert Christine Gehrke exemplarisch die Charakteristika des Mediums Fotografie: eine Selbstkritik des Fotografierens. Die Verwendung einer Lupe bei Foto- und Videoaufnahmen reflektiert und ästhetisiert die Prozesse der Fotografie durch ein sich selbst erklärendes optisches Prinzip.

In ihrer aktuellen Arbeit geht sie einen Schritt weiter, indem sie durch die Reflektion der Reflektion noch eine weitere Betrachtungs- und Bedeutungsebene einführt. Mit dem Aufbau eines Spiegels im Spiegel entsteht eine neue, potenzierte Bildsemantik: eine Kritik der Kritik, ein Bewusstwerden über das Bewusstwerden. Die Versuchsanordnung objektiviert aber gleichzeitig auch die Reflektion der Reflektion, denn das Spiegelverkehrte wird in einer zweiten Weiterspiegelung nochmals verkehrt: die Illusion eines seitengetreuen Urbilds entsteht, ein Pseudo-Original.

So vermittelt uns diese Überreflektion symbolisch das Fragment einer göttlichen Perspektive - eine mathematisch objektivierte Sichtweise der Goetter. Denn nur das göttliche Wesen ist in der Lage, mehrere Blickpunkte zugleich einzunehmen. Christine Gehrke führt uns dies ganz anschaulich vor Augen, und auch wir sehen nun die Dinge von allen vier Seiten - Göttern gleich.

Was an den Werken darüberhinaus ästhetisch fasziniert, liegt gewiss darin begründet, dass all das oben Angeführte seine Analogie in einer evolutionären, vergleichenden Konfrontation findet: Chaos und Ordnung stehen sich nicht nur gegenüber, sie durchdringen sich.

Prof. Tristan Pranyko
Kunsthochschule Berlin-Weissensee, 16. Juli 2010